erstellt am: 16. April 2001 16:03
Informationen des Robert Koch Instituts zum
Thema "Impfgegner":http://yellow-fever.rki.de/PRAEV/IMPFEN/SONST/SON_F4.HTM
[Zitatanfang]
Nützlichkeit und Notwendigkeit von Impfungen
Sechs häufige Argumente, die Impfgegner in der Praxis benutzen
- und wie sie widerlegt werden können; von Ullrich Kunde
Einleitung
Die tägliche kinderärztliche Praxis zeigt, wie schwierig es manchmal ist, Impfgegner von der Nützlichkeit und Notwendigkeit von Impfungen zu
überzeugen. Im folgenden sollen sechs Argumente von Impfgegnern widerlegt werden und dem praktizierenden Kinderarzt Handwerkszeug und
Argumentationshilfe zur Überzeugung für das Impfen liefern.
Als Grundlage dient eine Informationsschrift des US-Department of Health and Human Services mit dem Titel "Sechs übliche Argumente gegen
das Impfen und wie ihnen entgegnet werden kann"
Weitere Angaben zur Veröffentlichung finden Sie im Impressum am Ende dieser Seite.
1. These von Impfgegnern: "Krankheiten sind bereits verschwunden, bevor Impfstoffe eingeführt wurden, weil sich die Hygiene
verbessert hat."
Dieses Argument möchte suggerieren, daß Impfungen nicht mehr nötig sind. Tatsächlich hat die verbesserte sozio-ökonomische
Gesamtsituation zweifelsfrei einen Einfluß auf Krankheiten. Bessere Ernährung, die Entwicklung von Antibiotika und anderen
Behandlungsmöglichkeiten hat die Rate von erfolgreich behandelten Kranken erhöht. Schaut man aber auf die aktuelle Krankheitsinzidenz über
die Jahre, so ist zweifelsfrei eine bedeutende Verringerung der Erkrankungen durch Impfungen zu sehen (s. Tabelle 1: Masernerkrankungen in
den Vereinigten Staaten 1920-1994).
Tabelle 1: Masernerkrankungen in den Vereinigten Staaten 1920-1994
Warum sollte der Rückgang der Masernerkrankungen seit dem Jahr der Zulassung der Masernimpfung durch alleinige Hygiene zustande
kommen?
Die Impfung gegen Haemophilus influenzae Typ B ist ein anderes gutes Beispiel, weil seit der Einführung im Jahr 1990 die Erkrankung in den
Vereinigten Staaten von 20.000 Fällen pro Jahr auf 1419 Fälle im Jahr 1993 absank. Allerdings ist die Hygiene im Jahr 1990 ebenso gut gewesen
wie 1993!
Ebenso ist die Impfung gegen Keuchhusten ein gutes Argument gegen die erste These. Großbritannien, Schweden und Japan reduzierten ihre
Keuchhustenimpfungen aus Angst vor Nebenwirkungen durch den Impfstoff. Der Effekt war dramatisch und unmittelbar. In Großbritannien
erkrankten 1978 mehr als 100.000 Patienten an Keuchhusten, und 36 starben an der Erkrankung, nachdem seit 1974 die Impfung nicht mehr
öffentlich empfohlen wurde. In Japan, ungefähr zur gleichen Zeit, führte ein Abfallen der Impfung von 70% auf 20% der Kinder zu einem Sprung
von 393 Fällen und keinen Todesfällen im Jahr 1974 zu 13.000 Krankheitsfällen und 41 Todesfällen im Jahr 1979. In Schweden stieg die Anzahl
der Keuchhustenerkrankungen von 700 Fällen pro 100.000 Kindern im Jahr 1981 auf 3200 Krankheitsfälle pro 100.000 Kindern 1985 an. Aus
diesen Erfahrungen ist abzuleiten, daß, wenn keine Impfungen erfolgen, diese Krankheiten sehr rasch wieder zurückkommen können.
Ein weiteres Beispiel für die Rückkehr von Erkrankungen nach dem Nachlassen der Impfbereitschaft ist der Anstieg der
Diphtherie-Erkrankungen in den GUS-Staaten von 839 Fällen 1989 auf 50.000 Fälle und 1700 Tote 1994, da der Zusammenbruch des
öffentlichen Gesundheitswesens und Geldmangel zu einem Rückgang von Impfungen gegen Diphtherie führten.
2. These von Impfgegnern: "Die Mehrheit der Menschen, die krank werden, ist bereits geimpft worden."
Tatsache ist, daß bei einem Krankheitsausbruch die Zahl der gegen eine Krankheit Geimpften die Zahl der Ungeimpften übersteigt, auch bei der
Impfung gegen Masern, die, wie wir wissen, über 98% Effektivität hat, wenn sie wie empfohlen geimpft wird. Trotzdem erkranken bei einer
Masernepidemie mehr Geimpfte.
Diese offensichtliche Paradoxie wird durch zwei Faktoren verständlich gemacht.
Erstens: Keine Vakzine ist 100%ig erfolgreich. Um eine Vakzine sicherer zu machen als die Krankheit, wird das Bakterium oder das Virus
getötet oder abgeschwächt (attenuiert). Aus individuellen Gründen kann es vorkommen, daß nicht alle geimpften Menschen auch eine Immunität
erwerben. Die meisten Routineimpfungen in der Kindheit sind 85-98%ig effektiv im Sinne einer Antikörperbildung.
Zweitens: In Ländern wie den Vereinigten Staaten oder Deutschland überwiegt die Zahl der Menschen, die geimpft sind, deutlich die Zahl der
Ungeimpften. Wie diese beiden Faktoren zusammenarbeiten, kann an einem hypothetischen Beispiel geschildert werden.
Hypothese: In der medizinischen Fakultät einer Hochschule mit 1000 Studenten hatte keiner jemals Masern. Alle außer 5 Studenten hatten 2
Dosen einer Masernimpfung und waren insofern voll immunisiert. Die gesamte Fakultät wird Wildmasern ausgesetzt, und somit werden alle
Studenten infiziert. Die 5 ungeimpften Studenten werden natürlich auch infiziert. Aber von den 995 anderen Studenten, die geimpft wurden,
würden wir erwarten, daß einige nicht auf die vorhergehenden Impfungen reagiert haben. Die Antikörperrate für 2 Dosen der Masernimpfung
kann bis zu 99% der Impflinge erreichen. In dieser Fakultät haben 10 Studenten nicht auf die Impfungen mit Antikörperbildung reagiert, und nun
bekommen sie ebenfalls Masern. Deshalb bekommen 10 der 15 Erkrankten, oder ungefähr 66% der erkrankten Studenten die Masern, obwohl sie
durchgeimpft waren. Dies entspricht numerisch einer Mehrheit.
Wäre nicht die Mehrzahl der Studenten geimpft worden, hätten 100% der Studenten die Erkrankung durchgemacht, verglichen mit weniger als
1% derjenigen, die geimpft worden sind. Die Masernimpfungen haben also die überragende Mehrheit der Studenten geschützt.
Tabelle 2: Vergleich von Krankheitsfolgen mit Impfreaktionen bzw. Impfkomplikationen
3. These von Impfgegnern: "Durch Impfstoffe können gefährliche Krankheiten übertragen werden."
Durch die Übertragung von HIV-Viren "über" Blutprodukte sind auch Impfungen wieder ins Gerede gekommen. Viele Eltern sind verunsichert
und sorgen sich, ob ihren geimpften Kindern Schaden zugefügt worden ist oder wird.
Diese Sorge ist jedoch unbegründet, da eine Übertragung von HIV und anderen Viren durch aktive Impfungen ausgeschlossen ist. Impfstoffe
bestehen entweder aus attenuierten, lebenden oder aus abgetöteten Krankheitserregern oder auch nur aus Bruchstücken dieser
Krankheitserreger. Impfstoffe kommen nicht mit menschlichem Blut in Kontakt. Auch der früher aus Blutpools gewonnene Hepatitis B-Impfstoff
wird jetzt gentechnologisch hergestellt. Insofern sind Aktiv-Impfstoffe frei von gefährlichen Krankheitserregern.
4. These von Impfgegnern: "Die Erkrankung ist weniger gefährlich als die Impfung, die auch noch Nebenwirkungen und sogar
Langzeitwirkungen, die wir noch nicht kennen, auslösen kann."
Komplikationsraten durch Impfungen sind keineswegs vergleichbar mit den Komplikationen nach Wilderkrankungen. So kommt es z.B. bei
Masern bei 1 von 2000 Erkrankten zu einer Masern-Encephalitis, jedoch nur bei 1 von 1.000.000 Maserngeimpften.
Bei den anderen Impfungen ist das Verhältnis der Komplikationen nach Erkrankung oder nach Impfung ähnlich. Die Tabelle 2 zeigt die
Komplikationsrate der Erkrankungen sowie die Komplikationsrate durch Impfungen und kann als Kopie Impfgegnern vorgelegt werden, um auch
durch diese Zahlen von den Impferfolgen zu überzeugen.
5. These von Impfgegnern: "Durch Impfungen ausgelöschte Erkrankungen benötigen keine weiteren Auffrischimpfungen."
Es ist wahr, daß einige Erkrankungen durch Impfungen fast ausgelöscht worden sind (Poliomyelitis, Diphtherie, Pocken). Trotzdem sind einige
dieser Erkrankungen in anderen Teilen der Welt noch sehr häufig anzutreffen. Reisende können diese Krankheitserreger wieder importieren, und
wenn die Bevölkerung nicht durch Impfungen geschützt wäre, würden diese Erkrankungen äußerst rasch wieder als Epidemie auftauchen. Daher
sind Auffrischimpfungen bei den meisten Erkrankungen nötig, um uns selbst zu schützen sowie die Menschen um uns herum.
Einige Menschen können nicht geimpft werden (z.B. wegen schwerer Allergie) oder reagieren nicht auf Impfungen. Diese Menschen sind
natürlich besonders anfällig für Krankheiten, und ihre einzige Hoffnung ist, daß die Menschen um sie herum immun sind und die
Krankheitserreger nicht übertragen können. Zum Beispiel bedroht uns wieder die längst besiegt geglaubte Diphtherie, auch "Würgeengel der
Kinder" benannt, seit 1990. Gerade Erwachsene im mittleren Alter sind oft nicht mehr gegen Diphtherie geschützt, weil ihre Impfungen sehr
lange zurückliegen (Tab. 3).
Tabelle 3: Durchimpfungsraten bei ausgewählten Impfungen 1995
Die kleine Poliomyelitis-Epidemie in Holland (1992 durch ungeimpfte religiöse Gruppen verursacht) hätte zu einem schnellsten Ausbruch einer
Poliomyelitis-Epidemie führen können, wäre nicht die überwiegende Zahl der Niederländer ausreichend geimpft gewesen.
6. These von Impfgegnern: "Mehrfachimpfung bedeutet eine besonders große Belastung, führt zu einer Erhöhung der Nebenwirkungen
durch Impfungen und überlädt das Immunsystem."
Täglich müssen sich Säuglinge und Kleinkinder mit Krankheitserregern und Antigenen auseinandersetzen. Sie entwickeln dadurch eine
kompetente Immunabwehr. Antigene, durch Impfstoffe zugeführt, machen somit nur einen kleinen Bruchteil der Auseinandersetzung aus. Dabei
ist es egal, ob 1, 2 oder noch mehr Antigene gleichzeitig verabreicht werden. Da es sich bei Impfstoffen um attenuierte oder tote Erreger oder nur
Erregerteile handelt, werden nicht die gleichen aggressiven Eigenschaften wie bei natürlichen Krankheitserregern übertragen. Da die Kinder vor
Impfungen untersucht werden müssen, um behandlungsbedürftige Erkrankungen auszuschließen, wird damit ein für das Immunsystem günstiger
Zeitpunkt für die Impfung gewählt.
In vielen Studien wurde die Verträglichkeit und spezifische Wirksamkeit von Mehrfachimpfungen untersucht, sie unterscheidet sich nicht von
Impfstoffen, mit denen nur vor einer Krankheit geschützt wird.
Schlusswort
Wenngleich die Überzeugung von Impfgegnern oft schwierig und langwierig ist, sollten gerade wir als Kinder- und Jugendärzte kompetente
Antworten zu skeptischen Fragen beherrschen und unsere Kompetenz als Impfspezialisten herausstellen können. Die oben genannten
Ausführungen sowie die Tabelle der Impfkomplikationen versus Krankheitskomplikationen sollten als Überzeugungsmaterial dienen.
Quelle / Literatur
1.Kunde, U. (1992) "Masern, Mumps und Co.". Verlag Wolfgang Kastner (vergriffen) Neuauflage im Eigendruck 1997
2.Quast, U., Ley, S. (1996) "Schutzimpfungen im Dialog". Kilian-Verlag
3.US Department of Health and Human Services, Public Health Service, Centers for Disease Control and Prevention, National
Immunization Program (1996), "Six common misconceptions about vaccinations and how to respond to them", Atlanta
Impressum
der kinderarzt, 28. Jg. (1997), Nr. 5 , S. 543-547.
Herausgeber:
Berufsverband der Ärzte für Kinderkrankheiten und Jugendmedizin Deutschlands e.V.
Redaktion:
Schriftleiter:
Prof. Dr. Hermann Olbing (Essen)
Dr. Klaus Gritz (Hamburg)
Dr. Paul Wirtz (Düsseldorf)
Adresse:
Redaktion der kinderarzt
Mengstraße 16
23552 Lübeck
Tel.: 0451 / 7031-210
FAX: 0451 / 7031-384
Internet-Adresse:
www.paediatrie.net
Datenbank ab Heft 1/98
[Zitatende]
Hier eine Informationsseite der WHO:
http://www.who.int/vaccines-diseases/safety/index.html
A. Hoefer